Mit allen Sinnen die Welt entdecken – und wenn einer fehlt?

Am letzten Tag vor den Herbstferien erlebten wir, die Klasse 4M, einen besonderen Tag. Auf Initiative von Toms  Mutti machten wir uns auf den Weg ins Werner-Forßmann-Krankenhaus, um anlässlich der „Woche des Sehens“ zu erfahren, wie es ist, wenn man nichts sehen kann. In Vorbereitung für diesen Tag fertigten wir ein Wandbild an, auf das jeder von uns seine Hand mit Fühlmaterialien beklebt aufgebracht hatte. Dieses wurde später den Mitarbeitern der Augenklinik überreicht, die es nun in ihrem Aufenthaltsraum für Patienten aufgehängt haben. Aber von vorn: Nach unserer Ankunft und einer herzlichen Begrüßung wurden wir in den Besprechungsraum der Augenklinik gebracht. Dort erwartete uns Frau Petra Oertel, die uns vom schnellsten blinden Marathonläufer, Henry Wanyoike aus Kenia, erzählte. (Er war im letzten Jahr Gast an unserer Schule.) Es war interessant zu hören, wie er trotz seiner Blindheit über Nacht nicht aufgab und seine Ziele hartnäckig verfolgte. Dies wurde uns auch als Lebensmotto nahe gebracht: Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst.

Nach dem Vortrag lernten wir, wie man sich richtig erblindeten Menschen gegenüber verhält. Man muss immer daran denken, dass ihnen der Sinn des Sehens fehlt, was für uns selbstverständlich ist. Damit wir das auch richtig begreifen konnten, bekamen wir alle Augenbinden, um erst einmal das Frühstücken ohne Sehvermögen auszuprobieren. Anschließend durften wir blindengerechte Spiele wie „Mensch ärgere dich nicht“, Memory, Domino, Fangeball und anderes ausprobieren. Das war gar nicht so einfach, wenn man nur hören und fühlen kann! Außerdem versuchten wir, mit einem Blindenstock umzugehen und uns führen zu lassen. Auch da muss man sich sehr konzentrieren und Vertrauen zu seinem Partner haben.

Die Zeit verging wie im Fluge und schon war die Mittagszeit heran. Aber auch diesbezüglich war für uns vorgesorgt. Nach einer Stippvisite in der Großküche des Krankenhauses inklusive der Begehung des Kühlraumes (Mann, war das kalt da drin!) bekamen wir ein Mittagessen ganz nach unserem Geschmack: Nuggets und Pommes. Das ließen wir uns munden, um anschließend einen weiteren Höhepunkt zu erleben – den Aufstieg zum Hubschrauberlandeplatz. Von dort konnten wir sogar unsere Schule sehen! Nach einem Klassenfoto und vorsichtigen Blicken nach unten ging es zu unserer letzten Aktion: Wir sollten erfahren, wie Blinde lesen und schreiben. Wir wissen alle, dass es eine Blindenschrift gibt, aber nun waren wir selbst in der Rolle, diese Schrift zu spüren/lesen und selbst zu benutzen. Dazu bekamen wir das Braille-Alphabet (so heißt die Schrift), eine Schreibtafel, Papier und einen „Stift“, der aussah, wie eine riesige Nadel. Das Papier spannten wir in die Tafel und wollten sogleich loslegen. Aber halt! Wir hatten nicht bedacht, dass wir Vertiefungen in das Blatt drücken würden, die Schrift aber erhaben ist. Also hieß es, die Worte von links nach rechts, von hinten beginnend und spiegelverkehrt zu „schreiben“, damit sie dann, wenn das Blatt umgedreht wird, richtig zu lesen sind! Was für eine Leistung, die die Blinden erbringen müssen. Sie müssen nicht nur ihre Schriftzeichen kennen, sondern auch noch wissen, wir sie gespiegelt aussehen. Und in der Rechtschreibung müssen sie auch ziemlich bewandert sein, wenn sie die Wörter von hinten nach vorn schreiben. Welch Sehender kann das schon? (Zum Glück gibt es auch für Blinde Schreibmaschinen, auf denen man vorwärts schreiben kann.)

Ganz zum Schluss machten wir noch einen Abstecher in die Augenklinik selbst, wo wir einen vorsichtigen Blick in den OP wagen durften, verschiedene Ärzte und Schwestern trafen und unser vorbereitetes Ständchen zum Besten geben konnten (Darauf hatten wir schon den ganzen Tag gewartet.) Auch unser am Anfang erwähntes Mitbringsel überreichten wir voller Stolz und alle freuten sich darüber.

Nach einem Blick auf die Uhr – oje, die Zeit war schon überum – machten wir uns schleunigst auf den Weg zurück zur Schule. Hoffentlich nahm uns keiner die verspätete Rückkehr übel. Wir verbrachten einen tollen Tag und bedanken uns noch einmal ganz herzlich bei unseren Eltern und Großeltern, die uns begleitet haben, und vor allem bei Frau Dahms-Dowidat, die uns diesen tollen Tag beschert hat.

Im Namen der Klasse 4M

S. Schulz

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